Chronik 90 Jahre Landesverband
48 Bürgerwehr Insel Reichenau Die historische Bürgerwehr der Insel Reichenau kann auf eine sehr alte Tradition zurückblicken. Während die meisten anderen Bürgerwehren in Baden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ent- standen sind, hat die Reichenauer Bürgerwehr wohl eine wesentlich ältere Tradition. Sie wurde ursprünglich als Schutzorganisation für das Klos- ter gebildet. Die älteste Darstellung einer wehrhaf- ten Gruppierung finden wir auf einem Ölbild im Reichenauer Münster, das die Rückführung der Heilig-Blut-Reliquie 1738 auf die Insel zeigt. Über diese Darstellung schrieb der damalige Chronist wie folgt: „Die Prozession, begleitet von Musik und fürstlichem Militär und einer Garde von Reiche- nau, durchzog unter dem Donner der Geschütze bereits die ganze Insel…“. Ob es auch schon viel früher auf der Reichenau so etwas wie eine Bürgerwehr gegeben hatte, bleibt ungewiss und das, obwohl ein entsprechender Hinweis wie folgt lautet: „Im Jahr 1108 bestätigte der rechtliche Vertreter von Papst Paschalis II., ein Kardinal Divizo, dass die hier wohnenden Männer den Auftrag haben, das Kloster und die Einwoh- nerschaft vor Angriffen von außen mit der Waffe zu schützen und auf der Insel für Ordnung zu sorgen“. Mussten im Krieg mit Frankreich (1798–1800) alle Gewehre ins Zeughaus nach Meersburg abge- liefert werden, so konnte die Reichenauer Wehr im Zuge der Badischen Revolution 1848 wegen „regierungstreuen“ Verhaltens ihre Waffen behal- ten. Außerdem war ihr wegen der loyalen Haltung von Großherzog Friedrich 1890 eine Fahne mit dem badischen Wappen geschenkt worden. Diese Fahne wird heute noch vor jedem Ausrücken vom Bürgermeister unter den Klängen des Präsentier- marsches der Wehr übergeben und anschließend wieder zurückgenommen. Bis zur Reichsgründung 1871 trug die Bürgerwehr eine Uniform mit einem Waffenrock in den Farben rot und weiß, der an die Wappenfarben des Klosters Reichenau und des Hochstifts Konstanz erinnert. In der Zeit von 1872-1918 war die Bürgerwehr in eine preußische Dragoneruniform mit Spitzhelm eingekleidet. Zur 1200-Jahrfeier der Klostergründung im Jahr 1924, war die Wehr erstmals wieder in Uniformen im alten Stil ausgerückt. Mit dem Kriegsende 1945 gingen leider die meisten Uniformen und Ausrüstungstücke, darunter auch neun Gewehre, verloren. 1950 war der Ruf nach einer Wiederbelebung der Wehr laut geworden und schließlich konnte, insbesondere durch die Initiative vom damaligen Bürgermeister Beck und Hauptmann Josef Bernhard, zum Heilig-Blut-Fest 1952 die Neueinkleidung erfolgen. Die heute wieder getragene Uniform der Reiche- nauer Bürgerwehr besteht aus einem rot-weißen Rock, weißer Hose und schwarzem Tschako mit dem Reichenauer Abteiwappen. Die Bewaffnung besteht aus Säbel und Vorderladergewehr mit Bajonett. Seit dem Ersten Weltkrieg wird mit den Waffen nicht mehr geschossen. Heute noch werden in die Wehr nur auf der Rei- chenau wohnhafte Bürger aufgenommen, die sich zur Heimat und zum Brauchtum bekennen. Die Kompanie umfasst Infanterie mit Musik und Spiel- mannszug.
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